Try not to move

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Splitter

Mir passierte ein Gedicht, „Die Fotografin“, und es soll einleiten zu einem Musikstück mit gleichem Titel. Dabei will ich im Stück eine Anzahl Textfragmente schreiben und diese immer wieder neu, bei jeder Version und Aufführung neu zusammenfallen lassen. Als würden Splitter einer Explosion wie Schnee auf die stille Erde fallen, auf das Foto der Erde. Gleichsam gehe ich bei den Akkorden vor: Diese und jene gibt es, und dann fällt mal dieser neben jenen und mal nicht; mal fällt lange nur einer, groß, dann viele kleine. Mir scheint, das ist Ästhetik: Wahrnehmung von Welt.

Die Fotos und Aufnahmen des Holocaust, aus den KZ’s usw.; die Fotos, die Austerlitz schoss und wovon er sprach; die Gesten und Bemerkungen von Fania’s Eltern und Großmutter in Viola Roggenkamps Familienleben – sie alle erzählen von einer gewaltigen Explosion, fernab unserer Realität, unvorstellbar gewaltig, sie muss einen ganzen Erdteil vernichtet haben. Und der langsame Schnee der Splitter senkt sich nun in unsere Zeit und wir schauen schockiert und gefangen auf ihre Formen, so als kündeten sie von einem außerirdischen Leben, und wir wollten dieses verstehen oder uns vorstellen können: Was ist das? Was ist da geschehen? Dem Entsetzen ähnlich, das sich auf den Videos der Überlebenden des Weihnachts-Tsunamis feststellen lässt. Etwas ganz Ungewöhnliches geht vor sich, eines Tages wird man es (als Historiker) erklären können, aber das Erlebte macht die Überlebenden für immer sprachlos, und darin – in ihrer Sprachlosigkeit – offenbart sich eine viel tiefere Wahrheit. Try not to move weiterlesen